Abenteuer Reiseblog 2026 #3

Das Fürchten zu verlernen geht manchmal nicht ohne Rückzug

Liebe:r Leser:in, liebe Alle,

 

wie schön, dass du hier bist. Für mein Pferd Nocona (Püppi), meinen Hund Nuri und mich geht es heute zurück in die Freiheit.

Ich bin Musikerin, Schauspielerin und seit ich 18 Jahre alt bin, begeisterte Outdoorerin. Zusammen mit meinen Pferden und meinem Hund reise ich regelmäßig nach Norden. Nach Schweden, bis die Straßen leerer werden, der Asphalt zu Schotterpisten wird, zu Sandwegen und schließlich enden. Dort steigen wir aus und beginnen unsere Reisen. Mit Zelt, Angelzeug, Büchern und guten Schuhen (mittlerweile jedenfalls, auf meiner ersten Reise stapfte ich auf Buffalo Plateau Turnschuhen durch den Wald)

Wir drei..

 

Zu den Anfängen und älteren Reisen kommst du hier:

Erster Wildnis Blog

Zu dem Buch über das Alles hier kommst du hier:

Frei Sein – Das Hörbuch

Ganz unten ist dann jede Menge Musik verlinkt, aber jetzt Schluss mit Eigenwerbung, es geht los:

Das Fürchten zu verlernen geht manchmal nicht ohne Rückzug

Rückzug

Und manchmal muss man (ich) auch eine Niederlage eingestehen und den Rückzug antreten.

Es fällt mir total schwer das überhaupt vor mir selbst zuzugeben, und noch viel schwerer es aufzuschreiben. Ich bin ein Mensch, auf deren Wort man sich verlassen kann, die verbindlich ist in jeder Situation. Andern gegenüber, aber vor allem mir selbst gegenüber. Ich bin auch ein Mensch, die gegen alle Widerstände an macht, was sie sich in den Kopf gesetzt hat.

Diese Eigenschaft hat mich weit gebracht. Aber sie lässt mich auch nur schwer von einem einmal eingeschlagenen Weg ablassen.

Nocona

Ich mache diese Reisen mit Pferd in die schwedischen Wälder schon mein Leben lang. Die ersten 10 Reisen mit Marina, die letzten 7 mit Püppi. Erst mit zwei Pferden, Marina und ihrem Fohlen Cara, dann mit Marina und Püppi, dann nur noch mit Püppi alleine.

 

Für ein Pferd ist das Alleinsein absolut nichts. Man muss es üben, die Bedingungen fürs Gelingen immer und immer wieder überprüfen und verbessern, wo notwendig.

Marina war eine Ausnahme in der Pferdegesellschaft. Sie war immer eine Einzelgängerin mit so viel Mut, wie Verstand. Mit ihr stellte sich mir die Frage nie, ob sie alleine mit mir in der Wildnis zurechtkommen würde. Sie stand stets brav am Baum, graste am Laufseil, war nie unbesonnen. Auch nicht im Sturm, auch nicht, wenn die Elche kamen. Auf diesen Reisen, war ich es, die die Angst hatte.

 

Marina und Nocona auf einer unserer Reisen

Und dann kam Püppi

Püppi ist ganz anders. Von klein auf an, war sie nicht so nervenstark. Sie orientiert sich, wie jedes normale Pferd stark an der Herde, verliert leicht die Nerven bei Gefahr und geht dabei mit Leidenschaft direkt in den Kamikaze Modus. 

Ich habe sie damals als Nachwuchs für meine Reisen gekauft und es wurde sehr schnell klar, dass sie eine fantastische Begleiterin in Wettkämpfen und kontrollierten Bedingungen jeder Art ist.

Dass sie aber alleine und in der richtigen Natur, da wo die anderen Tiere alle leben, schnell Angst bekommt.

Ich bin Stier. Ich bin mir selbst gegenüber extrem verbindlich. Ich wollte es unbedingt schaffen, auch mit ihr alleine durch die Wälder zu ziehen. Also haben wir zusammen gelernt. Und 7 Reisen zusammen gemacht.

Dies ist unsere 7. Reise zusammen. Davon 5 ganz allein. Also ohne zweites Pferd, ich bin ja immer alleine unterwegs.

Ich kann also wirklich nicht sagen, dass wir es nicht geschafft hätten, meine Träume nicht gegen jeden Widerstand umzusetzen.

Aber ich kann sagen, dass jede Reise mit Püppi mich und uns vor ganz neue Herausforderungen stellt.

Denn auch, wenn wir es auf den vergangenen Reisen immer geschafft haben, alleine durch die nahezu unberührte Natur zu ziehen, musste Püppi sich jedes Mal gegen ihre Natur stemmen, um das zu schaffen. Meine tapfere kleine Nocona.

Mein Blick aus dem Zelt

Rückzug

Aber gestern Nacht war es zum ersten Mal so weit.

Ich musste abbrechen und unser Lager mitten in der dunkelsten Nacht, bei Regen, mit einem völlig hysterischem Pony an der Hand abbauen und den Rückweg antreten.

Ihr könnt euch nicht vorstellen, was mich das für Überwindung, Kraft und Nerven gekostet hat.

Neben dem tatsächlichen Kraftaufwand auch einfach die Tatsache zu akzeptieren, dass wir hier nicht gemeinsam weiterkommen werden, wenn ich nicht einlenke und das einzige tue, was Püppi in dem Moment brauchte.

Hier raus, aus diesem dunklen, nassen Kessel, der in ihrer inneren Welt voller Elche, Wölfe, Schweine, Hirsche und Aliens war.

Nichts davon haben wir tatsächlich gesehen.

Und bei dem Regen und Wind glaube ich ihr auch einfach nicht so ganz, dass sie das alles gehört haben will. Aber, was soll´s. Nachdem ich zweimal nachts aus dem Zelt gesprungen bin, um sie zu beruhigen und davon abzuhalten ihren lächerlich niedrigen, kleinen Paddockzaun umzureissen habe ich beim dritten Mal kapituliert.

Voller Angst vor dem dunklen Wald

Kann jemand mal das Licht anmachen, bitte?

Als ich zum dritten Mal aus dem Zelt schoss war es 2:35. Noch zwei Stunden bis Sonnenaufgang.

Das Foto oben ist gegen 3:40 entstanden, da konnten wir schon wieder etwas sehen.

Da stand ich nun. Mein vollkommen aufgelöstes, fauchendes, buddelndes, trallopierendes Häufchen Elend an ihrem Arbeitsseil um mich herum dirigierend, damit sie sich nicht verletzt, oder den Paddock einreisst und in die Nacht flieht.

Natürlich im Regen. Stundenlang. Ich glaube eine tristere, frustrierendere Situation kann sich niemand ausmalen.

Nuri lag derweil gemütlich und super brav im Zelt.

Nuri tagsüber gemütlich im Zelt

Es ist ja nicht so, dass man ein Lager, für das ich bei Sonnenschein 1,5std gebraucht habe, um es aufzubauen, in tiefdunkler Nacht und bei strömendem Regen, mit einem fauchenden Drachen an der Hand mal so eben einfach zusammenpacken kann.

Ich habe wirklich darum gebeten, ob Gott, oder wer auch immer, die Welt heute nicht einfach eine Stunde früher anknipsen kann, damit ich wenigstens sehe, was ich da klitschnass zusammenwerfen muss.

Entweder meine Gebete wurden erhört, oder ich stand da einfach 2 Stunden, während Püppi um mich herum schoß und fauchte. Irgendwann wurde es auf jeden Fall etwas heller und ich habe einfach angefangen zu packen. 

Mit viel Beruhigung und genauso viel Geschimpfe, habe ich es schliesslich geschafft den Sattel auf mein dampfendes Monster zu werfen und alle Packtaschen an ihr zu befestigen.

In einer solchen Situation muss alles noch viel genauer sitzen, denn ich konnte nicht mehr dafür garantieren, dass Püppi sich nicht doch noch irgendwann einfach losreissen würde. Wackelndes, oder sogar rutschendes Gepäck wäre das fatalste Übel gewesen. Also, trotz Erschöpfung, pitschnass, deprimiert und angestrengt, alles zu 200% auf dem Pony befestigt.

Nach etwas über einer Stunde konnten wir los.

 

Die Umgebung vor Sonnenaufgang..

Mein klitschnasses Zelt gegen 3:00 morgens

 

Der Weg nach Hause

Püppi ist wie eine Urgewalt losgestapft, ich kam auf meinen nassen, kalten Füssen kaum hinterher.

Als wir den ersten Hügel hochkamen, trafen wir auf anscheinend das, was ihr unten im Tal die meiste Angst gemacht hatte. Eine riesige umgestürzte Birke mit mehreren „Köpfen“ lag quer über dem Weg. Sie hat sich vor Angst fast entmaterialisiert. Erst als Nuri todesmutig (und mit völlig anderen Dingen beschäftigt) an ihr vorbei trottete konnte sich Püppi dazu bringen, sich wieder zu bewegen.

Je länger wir unterwegs waren, desto mehr hat sie sich beruhigt.

Ich bin ja Aktionist. Mir hilft Bewegung auch immer, wenn ich vor Problemen stehe.

Vielleicht sind wir uns da ähnlicher, als mir lieb ist.

Unterwegs vor Sonnenaufgang und im Regen..aber heil und zusammen

Irgendwann war sie sicher genug, um mich wieder zu tragen. Ein Glück, denn ich war mittlerweile vollkommen erschöpft.

Müde und nass habe ich mich in den Sattel gezogen und Püppi hat uns noch weitere 4std durch die Dämmerung nach Hause getragen. Ohne zu zucken, ohne auszurasten, ohne Ungehorsam irgendeiner Art. Ganz das wunderbare Pferd, dass ich großgezogen habe, und das mich schon durch unendlich viele Geschichten sicher getragen hat.

Der Himmel, als es endlich aufklarte..

 

Der große Unterschied

Und heute gibt es einen großen Unterschied zu allen meinen Reisen zuvor.

Ich habe jetzt einen Ort in Schweden, den ich erreichen kann. Egal, wie weit ich entfernt bin, ich bin nicht mehr allein im Nirgendwo.

Auch wenn es mal unerträglich draussen wird, auch wenn wir mal mehrere Tagesritte entfernt sind.

Ich muss es nur schaffen, loszuziehen und die Kraft aufbringen uns heil nach Hause zu bringen.

Nach Hause hier in Schweden.

In unser Haus im Wald.

Wieder sicher im Stall im Haus im Wald

 

PS, Nuri war einfach nur unglaublich brav. Sie hat im Zelt geschlafen, während ich die Nacht bei Püppi verbracht habe, hat sich nicht beklagt, als wir mitten in der Nacht das Lager abbauen mussten und im strömenden Regen stundenlang im Dunklen losgezogen sind. Sie war bei Fuss und hat es sogar geschafft mich von unten fröhlich anzuhecheln. Als wäre sie die Wildnis-Expertin.

Dabei ist sie zum ersten Mal mit draussen gewesen. In den tiefen Wäldern Schwedens.

 

PPS

Wir rappeln uns jetzt erst mal wieder auf und ruhen uns aus. Und trocknen all unsere Sachen 😀

Ich muss sehen, ob Püppi wirklich heil geblieben ist bei ihrem nächtlichen Panik Marathon.

Und sobald ich den Mut aufbringen kann, ziehen wir wieder los, und versuchen weiterhin das Fürchten zu verlernen.

Eure Vaile, Püppi-der Drache und Nuri-Löwenherz

Hauptsache zusammen

 

 

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